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Zivilisation, Gesellschaft und Politik

Wir sind Zeuge eines noch nie da gewesenen, gewaltigen Zusammenpralls unserer Zivilisation mit der Erde.

Das Verhältnis unserer Zivilisation zum Ökosystem Erde hat sich vollständig und radikal verändert. Dazu geführt haben drei Faktoren, die sich gegenseitig verstärken.

Bevölkerungswachstum

Der erste Faktor ist das Bevölkerungswachstum, das in vielerlei Hinsicht eine Erfolgsgeschichte ist. Überall auf der Welt sinken die Sterblichkeits- und Geburtenraten, die Familien werden im Durchschnitt immer kleiner. Diese Entwicklung ist sehr viel schneller vonstatten gegangen, als man noch vor wenigen Jahrzehnten für möglich gehalten hätte. Grundsätzlich ist sie durchaus zu begrüssen, aber mittlerweile hat sie eine solche Eigendynamik entwickelt, dass die Bevölkerungs-„Explosion“ unser Verhältnis zur Erde von Grund auf verändert hat.

Wenn man das Bevölkerungswachstum im historischen Kontext betrachtet, so ist unverkennbar, dass die letzten zweihundert Jahre einen markanten Bruch mit dem Muster darstellen, das seit Jahrtausenden vorgeherrscht hat. Vom ersten Auftauchen unserer Spezies vor 160 000 bis 190 000 Jahren bis zu den Tagen von Jesus Christus und Julius Cäsar war die Anzahl der Menschen auf eine Viertelmilliarde angewachsen. Zum Zeitpunkt der Gründung der Vereinigten Staaten 1776, war es eine Milliarde. Ende des 2. Weltkrieges, als die Generation der „Baby Boomer“ geboren wurde, hatte die Bevölkerung die 2-Milliarden-Marke überschritten. Bis zum Jahr 2000 ist sie auf 6,5 Milliarden angestiegen, und in ein paar Jahrzehnten wird sie die 9 Milliarden überschreiten.

Das unten aufgeführte Diagramm veranschaulicht eine einfache Tatsache mit weit reichenden Folgen. Es dauerte mehr als 10 000 Generationen, bis die Weltbevölkerung 2 Milliarden erreicht hatte. Dann schnellte sie während der Lebensspanne einer einzigen Generation, der unseren, von 2 auf 9 Milliarden in die Höhe. Es ist unsere moralische Verpflichtung, auf diese dramatische Veränderung im Verhältnis zwischen unserer Spezies und der Erde angemessen zu reagieren.

Den grössten Anteil an diesem Wachstum haben die Entwicklungsländer, in denen grosse Armut herrscht. Und zum grössten Teil findet dieses Wachstum in Grossstädten statt.

Durch die rapide Zunahme der Bevölkerung steigt auch der Bedarf an natürlichen Rohstoffen, vor allem an Nahrung, Wasser und Energie. Gebiete, die auf äussere Eingriffe sehr empfindlich reagieren, geraten dadurch unter enormen Druck. Dies gilt z. B. für Wälder, insbesondere für die Regenwälder in den Tropen.

Wie wir mit unseren Wäldern umgehen, ist eine politische Frage.

Ein grosser Teil der Waldzerstörung geht auf Brandrodung zurück. Fast 30 % des CO2, das Jahr für Jahr in die Atmosphäre gelangt, stammt aus Unterholz, das entweder zum Kochen dient oder abgebrannt wird, um den Boden landwirtschaftlich zu nutzen.

Durch die höheren Temperaturen trocknen Boden und Blätter aus, so dass es sehr viel häufiger zu Waldbränden kommt. Ausserdem entstehen in wärmeren Luftmassen deutlich mehr Blitze. Das Diagramm unten zeigt die stetige Zunahme grossflächiger Waldbrände in Nord- und Südamerika im Lauf der letzten fünf Jahrzehnte. Die gleiche Entwicklung ist auch auf allen anderen Kontinenten zu beobachten.

Anzahl grossflächiger Waldbrände auf dem amerikanischen Kontinent nach Jahrzehnten.

Wissenschaftliche und technologische Revolution

Der zweite Faktor, der unser Verhältnis zur Erde verändert hat ist die wissenschaftliche und technologische Revolution.

Die Fortschritte in Wissenschaft und Technik haben uns auf vielen Gebieten gewaltige Verbesserungen beschert, nicht zuletzt in der Medizin und der Kommunikation. Die neuen Technologien haben jedoch nicht nur Vorteile, sondern auch viele unerwartete Nebenwirkungen gebracht.

Der Zuwachs an Möglichkeiten ist leider nicht immer von einem Zuwachs an Weisheit bei der Nutzung dieser Möglichkeiten begleitet, vor allem wenn wir gedankenlos neue Technologien anwenden, um uralte Gewohnheiten nachzugehen. Und alte Gewohnheiten zu ändern ist bekanntlich schwer.

Die folgenden schlichten Gleichungen sollen illustrieren, was passiert, wenn wir alten Gewohnheiten nachgehen und dabei auf neue, sehr viel wirkungsvollere Technologien zurückgreifen, ohne zu bedenken, dass dies völlig unvorhersehbare Folgen haben kann.

Alte Gewohnheiten
+
Alte Technologien
=
Vorhersehbare Konsequenzen
Alte Gewohnheiten
+
Neue Technologien
=
Dramatisch veränderte Konsequenzen

Hier ein Beispiel, wie diese Gleichungen funktionieren:

Seit jeher haben Menschen Krieg geführt. Der Kampf mit Lanzen, Schwertern, Musketen oder Maschinengewehren war schrecklich, aber die Folgen waren vorhersehbar.

1945 setzte die Atombombe diese Gleichung ausser Kraft.

Als Konsequenz daraus haben wir versucht, die „Krieg“ genannte alte Gewohnheit neu zu bewerten und zu verändern. Obwohl wir einige Fortschritte gemacht haben und im Kalten Krieg einen Atomkrieg verhindern konnten, bleibt noch viel zu tun.

Freilich mussten wir stets einfache Techniken wie Pflügen, Graben und Bewässern anwenden, um uns von der Erde zu ernähren. Doch auch die Effizienz dieser einfachen Techniken haben wir enorm gesteigert.

Wir verfügen heute über viel grössere Möglichkeiten, das Antlitz der Erde zu verändern. Bei allem, was wir unternehmen, nutzen wir heute sehr viel effizientere Werkzeuge, was oft unvorhersehbare Folgen hat.

Jahrhunderte lang hat die Menschheit mit Hilfe von Bewässerung wahre Wunder vollbracht. Heute steht es in unserer Macht, ganze Ströme umzuleiten – nach unserem Plan, nicht nach dem der Natur.

Wenn wir zu viel Wasser umleiten, ohne auf natürliche Gegebenheiten zu achten, kommt es vor, dass Flüsse das Meer nicht mehr erreichen.

Das Wasser zweier mächtiger Flüsse in Zentralasien (Amu Darya und Syr Darya), das den Aralsee gespeist hatte, wurde in der ehemaligen Sowjetunion umgeleitet, um Baumwollfelder zu bewässern.

Heute bietet dieses Gebiet einen bizarren Anblick: eine gigantische Flotte von Fischerbooten war im Sand gestrandet. Das Bild zeigt einige Boote und den Kanal, den die Fischereiindustrie graben liess in dem verzweifelten Versuch, einen Zugang zum See zu erhalten.

Mittlerweile ist der Aralsee nahezu verschwunden.

Die Geschichte des Aralsees enthält eine Lehre: Fehler im Umgang mit der Natur können heute viel schwerwiegendere Konsequenzen haben. Denn viele unserer neuen Technologien erschliessen uns neue Möglichkeiten, ohne dass damit automatisch ein Zuwachs an Voraussicht verbunden wäre.

Wie viele Bilder deutlich machen, sprengen unsere technischen Möglichkeiten mitunter alle menschlichen Massstäbe. Durch die neuen technischen Möglichkeiten und das Bevölkerungswachstum ist die Menschheit zu einer Naturgewalt geworden.

Staaten mit den grössten technischen Möglichkeiten tragen die höchste moralische Verantwortung, diese Möglichkeiten klug einzusetzen. Auch das ist eine politische Frage. Politik ist wichtig.

Diese Karte zeigt den relativen Beitrag jedes Landes zur Erderwärmung. Die Vereinigten Staaten sind für mehr Treibhausgas verantwortlich als Südamerika, Afrika, der Nahe Osten, Australien, Japan und Asien zusammen genommen.

Wenn man den Pro-Kopf-Ausstoss von CO2 in China, Indien, Afrika, Japan der EU und Russland mit dem der USA vergleicht, wie auf dem Diagramm unten , dann sieht man auf einen Blick, dass die USA mit grossem Abstand an der Spitze liegen.

Natürlich muss man auch berücksichtigen, wie viele Menschen in einemLand leben. Wenn man das tut, wie im Diagramm unten, wird deutlich, dass China eine immer wichtigere Rolle spielt. Ähnliches gilt für die EU. Aber die USA liegen immer noch weit vor allen anderen.

Grundsätzliche Haltung zur Klimakrise

Der dritte und letzte Faktor, der für den Konflikt zwischen Mensch und Natur verantwortlich ist, ist der subtilste und zugleich der wichtigste: unsere grundsätzliche Haltung zur Klimakrise.

Das erste Problem ist: Es ist einfacher, gar nicht über die Klimakrise nachzudenken. Der Grund, warum sie nicht ständig unsere Aufmerksamkeit fordert, ist anschaulich dargestellt in einer altbekannten Geschichte über ein wissenschaftliches Experiment. Wenn ein Frosch in einen Topf mit heissem Wasser springt, erkennt er sofort die Gefahr und hüpft wieder heraus. Sitzt derselbe Frosch dagegen in einem Topf mit lauwarmem Wasser, das langsam zum Kochen gebracht wird, bleibt er trotz der Gefahr einfach sitzen, bis er – gerettet wird.

Die eigentliche Lehre ist jedoch, dass unser kollektives „Nervensystem“, das uns vor lebensbedrohlichen Gefahren warnt, ähnlich funktioniert wie das des Frosches. Wenn bedeutende Veränderungen in unserer Umgebung ganz langsam und allmählich vonstattengehen, dann bringen wir es fertig, einfach stillzusitzen und den Ernst der Lage zu ignorieren, bis es zu spät ist. Genau wie der Frosch reagieren auch wir oft erst dann, wenn es in unserer Umgebung zu plötzlichen, kurzfristigen Veränderungen kommt. Dann schrillen unsere Alarmglocken.

Im Zeithorizont eines Menschen erscheint es so, als finde die Erderwärmung ganz langsam statt, aber in der Erdgeschichte vollzieht sie sich mit rasender Geschwindigkeit. Mittlerweile hat sich der Prozess so massiv beschleunigt, dass wir bereits verräterische Luftblasen im kochenden Wasser erkennen können.

Ausserdem sind wir natürlich keine Frösche. Wir müssen nicht bis zum Siedepunkt warten, um uns der Gefahr bewusst zu werden – und wir können uns durchaus selbst in Sicherheit bringen.

Der Mensch ist ein wahrer Verdrängungskünstler.

Das zweite Problem beim Nachdenken über die Klimakrise ist die grosse Kluft zwischen den „zwei Kulturen“, wie C. P. Snow es ausgedrückt hat. Wissenschaftler verfolgen zielstrebig immer speziellere Fragestellungen und sind heute so hoch spezialisiert, dass es für Aussenstehende immer schwieriger wird, ihre Schlussfolgerungen zu verstehen und ihre Erkenntnisse in allgemein verständlicher Sprache zu übersetzen. Hinzu kommt, dass Ungewissheit in der Wissenschaft Ansporn, in der Politik hingegen Lähmung bedeutet. Deshalb schaffen Wissenschaftler es nur selten, dass bei Politikern die Alarmglocken schrillen. Selbst wenn Forscher herausfinden, dass wir in grosser Gefahr schweben, ist ihr erster Impuls, das Experiment zu wiederholen, um das Ergebnis zu prüfen.

Politiker können häufig nicht zwischen interessengebundenen Artikeln, die von Lobbyisten bezahlt und in der Tagespresse platziert werden, und fundierten, von Experten begutachteten Artikeln in angesehenen Fachzeitschriften unterscheiden. Beispielsweise gibt es einen Artikel, den Skeptiker der Klimaerwärmung mit Vorliebe zitieren: Die in den siebziger Jahren geäusserte Befürchtung, der Welt stehe eine neue Eiszeit bevor. Der Artikel, in dem ein Wissenschaftler mit einer entsprechenden Aussage zitiert wird, wurde jedoch in Newsweek veröffentlicht und ist nie in einer von Experten überprüften Fachzeitschrift erschienen – abgesehen davon, dass der betreffende Wissenschaftler seine Aussage kurz darauf korrigiert und erklärt hat, wie es zu diesem Missverständnis gekommen war.

Wissenschaftler sind sich weitestgehend einig, dass die Erderwärmung tatsächlich stattfindet, dass sie überwiegend vom Menschen verursacht wird und dass die möglichen Folgen so gefährlich sind, dass sofortige Massnahmen gerechtfertigt erscheinen.

In seiner Zeit als Chef der NOAA, der grössten wissenschaftlichen Einrichtung in den USA, die sich mit der Erderwärmung beschäftigt, sagte Jim Baker: „Es gibt keine andere Frage, in der es einen vergleichbaren wissenschaftlichen Konsens gibt… vielleicht abgesehen von den Bewegungsgesetzen Newtons.“ Donald Kennedy fasste den Konsens in Sachen Klimaerwärmung so zusammen:

„In der Wissenschaft ist es sehr selten, dass es zu einer bestimmten Frage einen so eindeutigen Konsens gibt.“

Donald Kennedy, Chefredakteur der Fachzeitschrift Science.

Dr. Naomi Oreskes von der University of California in San Diego hat in der Zeitschrift Science die Ergebnisse einer gross angelegten Studie veröffentlicht, in der sämtliche von Fachleuten überprüfte Artikel zum Thema Erderwärmung der letzten zehn Jahre analysiert wurden. Ihr Team wählte in einem Zufallsverfahren 928 Artikel aus (das entspricht 10 % aller Veröffentlichungen) und untersuchte, wie viele dieser Artikel mit dem allgemeinen Konsens übereinstimmten und wie viele von ihm abwichen. Ein Viertel der ausgewählten Artikel beschäftigte sich mit Teilaspekten der Klimaerwärmung, ohne zu grundsätzlichen Fragen Stellung zu nehmen. Wie viele von den drei Vierteln, die sich mit den entscheidenden Fragen beschäftigten, wichen vom vorherrschenden Konsens ab? Kein einziger.

Anzahl der von Experten begutachteten Artikel zum Thema „Klimaerwärmung“, die im Verlauf der letzten zehn Jahre in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden: 928
Prozentualer Anteil von Artikeln, deren Autoren Zweifel an den Gründen für die Erderwärmung haben: 0 %

Gleichzeitig mit der Studie, die gezeigt hat, dass keiner der von Fachleuten überprüften Artikel in Fachzeitschriften den Konsens in Sachen Erderwärmung in Frage stellte, wurde eine weitere Studie durchgeführt. Diese Studie untersuchte alle Artikel über die Klimaerwärmung, die in den letzten 14 Jahren in den vier Tageszeitungen erschienen sind, die nach Meinung der Autoren der Studie den grössten Einfluss auf die öffentliche Meinung in Amerika besitzen: die New York Times, die Washington Post, die Los Angeles Times und das Wall Street Journal.

Sie wählten nach dem Zufallsprinzip 18 % der Artikel aus. Das überraschende Ergebnis war, dass mehr als die Hälfte der Artikel dem allgemeinen Konsens auf der einen Seite und der wissenschaftlich diskreditierten Ansicht, dass der Mensch keinerlei Einfluss auf die Erderwärmung habe, auf der anderen Seite gleiches Gewicht beimass. Die Autoren kamen zu dem Schluss, den amerikanischen Nachrichtenmedien sei „der falsche Eindruck vermittelt worden, dass es unter Wissenschaftlern eine heisse Debatte darüber gebe, ob die Erderwärmung vom Menschen verursacht sei oder nicht“.

Kein Wunder, dass die Menschen verwirrt sind.

Anzahl der Artikel über die Klimaerwärmung, die in den letzten 14 Jahren in der Tagespresse erschienen sind: 636
Prozentualer Anteil von Artikeln, deren Autoren Zweifel an den Gründen für die Erderwärmung haben: 53 %

Der fälschliche Eindruck, dass es unter Wissenschaftlern ernsthafte Meinungsverschiedenheiten über den Klimawandel gäbe, ist bewusst befördert worden von einer relativ kleinen, aber finanziell ausserordentlich potenten Lobby von Exxon Mobil und einige andere Firmen der Öl-, Kohle- und Energiebranche. Diese Unternehmen profitieren davon, dass auch weiterhin Tag für Tag riesige Mengen klimaschädlicher Gase ausgestossen werden. Deshalb wollen sie alle politischen Massnahmen verhindern, die ihren geschäftlichen Interessen abträglich sein könnten.

Der Reporter und Pulitzer-Preisträger Ross Gelbspan entdeckte eines der internen Memos, das Mitarbeitern dieser Gruppe als Richtlinie für ihre Desinformationskampagne dient. Darin war das Ziel klar formuliert: „die Erderwärmung neu zu politisieren, und zwar als Theorie, nicht als Tatsache.“

Diese Taktik wurde schon einmal benutzt.

Vor vierzig Jahren hat die Tabakindustrie auf den historischen Bericht des Surgeon General über den Zusammenhang von Rauchen mit Lungenkrebs und anderen Lungenkrankheiten mit einer ähnlichen Desinformationskampagne reagiert. Im Rahmen eines Prozesses gegen die Tabakfirmen, deren zur Last gelegt wird, dass Millionen von Menschen durch ihre Produkte zu Tode gekommen sind, wurde kürzlich ein internes Memo aus den sechziger Jahren entdeckt. Vierzig Jahre später, vor dem Hintergrund der laufenden Kampagne gegen die Erderwärmung, ist es eine sehr aufschlussreiche Lektüre:

„Unser wichtigstes Produkt ist der Zweifel. Er ist die beste Strategie, um ein Gegengewicht zu den ‚Fakten‘ in den Köpfen der Allgemeinheit zu schaffen. Dadurch können wir eine Kontroverse auslösen.“

Memo der Tabakfirma Brown and Williamson, sechziger Jahre.

War die Desinformationskampagne gegen die Klimaerwärmung erfolgreich?

Das Weisse Haus unter Bush und Cheney war eine der wichtigsten Quellen der Desinformation über die globale Klimaerwärmung. Bush und Cheney haben versucht, für die Regierung tätige Wissenschaftler wie James Hansen von der NASA mundtot zu machen, die offen vor den uns drohenden extremen Gefahren warnten. Sie haben von den Ölkonzernen vorgeschlagene „Skeptiker“ in wichtige Ämter berufen, die gegen die Klimaerwärmung gerichtete Massnahmen sabotieren, Skeptiker, die in ihrer Funktion als US-Unterhändler in den internationalen Klimaforen wirksame Handlungsempfehlungen torpedieren können.

Anfang 2001 heuerte Präsident Bush den Anwalt und Lobbyisten Phillip Cooney als Leiter der Umweltabteilung im Weissen Haus an. In den sechs Jahren zuvor war Cooney für das American Petroleum Institute tätig und dort federführend für die Kampagne der Öl- und Kohleindustrie verantwortlich gewesen, dem amerikanischen Volk in Sachen Klimaerwärmung Sand in die Augen zu streuen.

Obwohl Cooney keinerlei wissenschaftliche Ausbildung vorweisen konnte, gab ihm der Präsident freie Hand, die offiziellen Stellungnahmen der Environmental Protection Agency und anderer Regierungsbehörden zum Klimawandel zu redigieren und zensieren. 2005 wurde der New York Times von einem Informanten innerhalb der Regierung ein von Cooney freigegebenes (unten in Auszügen abgebildetes) Memo des Weissen Hauses zugespielt, aus dem er jeden Hinweis auf die von der Klimaerwärmung ausgehenden Gefahren gestrichen hatte. Nach der für das Weisse Haus und Cooney peinlichen Veröffentlichung reichte Cooney seinen Rücktritt ein, ein Schritt, der in den letzten Jahren sehr selten geworden ist. Am Tag darauf unterzeichnete er einen Arbeitsvertrag mit dem Ölkonzern Exxon Mobile.


1995 – 20. Januar 2001 
20. Januar 2001 
14. Juni 2005 

Upton Sinclair war vor einem Jahrhundert eines der am meisten geachteten Mitglieder einer Gruppe investigativer Journalisten und Autoren, die über die furchtbaren Schrecken schrieben, die sich hinter der Fassade des, wie Mark Twain es nannte, „Goldenen Zeitalters“ Amerikas von 1876 bis 1914 abspielten und die die Reformen der Progressiva Era einleiteten. Sinclair sagte damals etwas, was auch auf die Ignoranten hätte gemünzt sein können, denen die Regierung Bush/Cheney die amerikanische Klimapolitik überantwortet hat – Ignoranten wie Cooney, die dem amerikanischen Volk einreden, dass das Problem keines und vor allem kein drängendes sei und uns daran keinerlei Schuld treffe.

„Es ist schwierig, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn er sein Gehalt dafür bekommt, dass er es nicht versteht.“

Upton Sinclair

Diese Unaufrichtigkeit kann ums weniger toleriert werden, weil so viel auf dem Spiel steht.

Am 21. Juni 2004 warfen 48 Nobelpreisträger Präsident Bush und seiner Regierung öffentlich vor, die wissenschaftlichen Fakten zu verzerren.

„Dadurch, dass sie den wissenschaftlichen Konsens zu entscheidenden Themen wie dem globalen Klimawandel ignorieren, setzen [Präsident Bush und seine Regierung] die Zukunft der Erde aufs Spiel.“

Unterzeichnet von:

Peter Agre
Chemie 2003
John B. Fenn
Chemie 2002
David H. Hubel
Medizin 1981
Douglas D. Osherhoff
Physik 1996
Sidney Altman
Chemie 1989
Val Fitch
Physik 1980
Louis Ignarro
Medizin 1998
George Palade
Medizin 1974
Philip W. Anderson
Physik 1977
Jerome I. Friedman
Physik 1990
Eric R. Kandel
Medizin 2000
Arno Penzias
Physik 1978
David Baltimore
Medizin 1975
Walter Gilbert
Chemie 1980
Walter Kohn
Chemie 1998
Martin L. Perl
Physik 1995
Baruj Benacerraf
Medizin 1980
Alfred G. Gilman
Medizin 1994
Arthur Kornberg
Medizin 1959
Norman F. Ramsey
Physik 1989
Paul Berg
Chemie 1980
Donald A. Glaser
Physik 1960
Leon M. Lederman
Physik 1988
Burton Richter
Physik 1976
Hans A. Bethe
Physik 1967
Sheldon L. Glashow
Physik 1979
Tsung-Dao Lee
Physik 1957
Joseph H. Taylor Jr.
Physik 1993
Michael Bishop
Medizin 1989
Joseph Goldstein
Medizin 1985
David M. Lee
Physik 1996
E. Donnall Thomas
Medizin 1990
Günter Blobel
Medizin 1999
Roger Guillemin
Medizin 1977
William N. Lipscomb
Chemie 1976
Charles H. Townes
Physik 1964
N. Bloembergen
Physik 1981
Dudley Herschbach
Chemie 1986
Roderick MacKinnon
Chemie 2003
Harold Varmus
Medizin 1989
James W. Cronin
Physik 1980
Roald Hoffman
Chemie 1981
Mario J. Molina
Chemie 1995
Eric Wieschaus
Medizin 1995
Johann Deisenhofer
Chemie 1988
H. Robert Horvitz
Medizin 2002
Joseph E. Murray
Medizin 1990
Robert W. Wilson
Physik 1978

Das dritte Problem unserer Haltung zur globalen Erwärmung besteht in der irrigen Annahme, wir müssten uns zwischen einer gesunden Wirtschaft und einer gesunden Umwelt entscheiden.

1991 gehörte Al Gore, der ehemalige Vizepräsident von Bill Clinton, einer überparteilichen Gruppe im Senat an, die die erste Bush-Regierung davon zu überzeugen versuchte, am Erdgipfel in Rio de Janeiro teilzunehmen. Daraufhin organisierte das Weisse Haus in dem Bemühen, den Anschein verantwortungsvollen Handelns zu erwecken, eine Konferenz. Dazu gehörte auch ein farbenprächtiges Pamphlet über „Global Stewardship“ – „Globale Verwaltung“ -, mit dem die Regierung die Leute überzeugen wollte, dass sie sich für den Schutz der globalen Umwelt engagiert. Besonders fasziniert war Al Gore von einer Abbildung, die das Verständnis des Gleichgewichts zwischen Ökologie und Ökonomie wiedergab.

Die Illustration versinnbildlicht eine weit verbreitete Einstellung bezüglich der grundsätzlichen „Wahl“, die die Vereinigten Staaten zwischen Ökologie und Ökonomie treffen müssten. Die Abbildung zeigt eine altmodische Waagschale. Auf der einen Seite liegen Goldbarren, stellvertretend für Wohlstand und ökonomischen Erfolg. Auf der anderen Seite – die Erde!

Diese Sichtweise unterstellt, dass wir nicht nur eine Wahl, sondern zudem auch noch eine schwere Wahl treffen müssten. Das ist aus zwei Gründen falsch.

  1. Ohne einen Planeten wären wir gar nicht in der Lage, uns über diese Goldbarren zu freuen.
  2. Wir können, wenn wir nur das Richtige tun, jede Menge Wohlstand, Jobs und Chancen erzeugen.

Unglücklicherweise hat die uns suggerierte vermeintliche Wahl zwischen Ökologie und Ökonomie schwerwiegende negative Auswirkungen auf unsere Politik.

Ein Beispiel dafür sind die Verbrauchsstandards für PKWs. Auf japanischen Strassen fahren Autos, die per Gesetz nicht mehr als 5 Liter pro 100 Kilometer verbrauchen dürfen. Europa liegt nicht weit dahinter und hat neue, die japanischen Standards noch übertreffende Gesetze erlassen. Und auch unsere Freunde in Kanada und Australien bewegen sich in Richtung eines Verbrauchsstandards von 7,5 Liter pro 100 Kilometer.

Und die Vereinigten Staaten von Amerika? Fehlanzeige

Man sagt den amerikanischen Bürgern, man müsste die amerikanischen Automobilkonzerne vor der Konkurrenz aus Ländern wie China schützen, deren Führern die Umwelt egal sei.

In Wahrheit hat China die Emissionswerte für PKWs verschärft und liegt in dem Bereich heute deutlich vor den USA. Es können noch nicht einmal in den USA produzierte Autos nach China verkaufen, weil sie die dortigen Umweltstandards nicht erfüllen.

Vergleich von Verbrauchs- und Treibhausgas-Emissionsstandards für PKW in ausgewählten Ländern/Regionen.

Als erster US-Bundesstaat hat Kalifornien höhere Standards für im Bundesstaat verkaufte Autos angekündigt. Doch die Autokonzerne haben den Bundesstaat verklagt, um das Inkrafttreten eines Gesetzes zu verhindern, das sie verpflichten würde, in 10 Jahren für Kalifornien Autos zu produzieren, die fast so effizient sind wie jene, die China bereits heute herstellt.

Die veralteten amerikanischen Umweltstandards basieren auf einer irrigen Sichtweise der Beziehung zwischen Ökonomie und Umwelt, Standards, die in diesem Fall den amerikanischen Autokonzernen helfen sollen. Doch wie die nachfolgende Abbildung belegt; sind vor allem die Unternehmen erfolgreich, die effizientere Autos herstellen. Die US-Autohersteller dagegen sind in eine tiefe Krise geschlittert. Und obwohl der Markt ihnen dieselbe Botschaft schickt wie die Umwelt, verdoppeln sie ihre Bemühungen, grosse, ineffiziente Spritfresser zu verkaufen.

Entwicklung des Börsenwerts: Februar – November 2005

Zum Glück fangen mehr und mehr US-Manager an, uns in die richtige Richtung zu führen.

General Electric beispielsweise hat vor kurzem eine wegweisende neue Initiative zur globalen Klimaerwärmung angekündigt. GE-CEO Jeffrey Immelt erklärt, wie Ökonomie und Ökologie in seiner Vision zusammenkommen:

„Wir glauben, grün bedeutet grün. Dies ist eine Zeit, in der ökologische Verbesserungen in höheren Renditen resultieren werden.

Jeffrey R. Immelt, Chairman und CEO von General Electric.

Das vierte und letzte Problem daran, wie manche Leute über die globale Klimaerwärmung denken, ist der gefährliche Trugschluss, dass sie, sollte sie tatsächlich eine so grosse Gefahr darstellen, wie die Wissenschaftler behaupten, wir ohnehin nichts dagegen unternehmen könnten.

Erstaunlich viele Leute wechseln direkt von Verleugnung zur Verzweiflung, ohne in der Mitte anzuhalten und zu sagen: „Wir können etwas dagegen tun!“


Und das können wir.
  Energiesparlampen
Brennstoffzellen-Hybridbus Solarzellen
Grüne Dächer Elektroauto mit Wasserstoffbrennstoffzelle
Hybridauto Erdwärmekraftwerk

Wir haben alles, was wir brauchen, um die Klimakrise zu lösen – ausgenommen vielleicht den Willen zum Handeln. Aber in Amerika ist der Wille zum Handeln eine erneuerbare Ressource.

Jeder Einzelne von uns trägt zur globalen Klimakrise bei. Und jeder Einzelne von uns kann zu ihrer Lösung beitragen: Mit dem, was wir kaufen, mit der Energie, die wir verbrauchen, mit den Autos, die wir fahren, und mit dem, wie wir unser Leben gestalten. Wir sind sogar in der Lage, unsere individuellen Kohlendioxidemissionen auf Null zu reduzieren.

Stephen Pacala und Robert Socolow, zwei Ökonomen von der Princeton University, kamen in einer weithin respektierten Studie über Massnahmen zur Lösung der Klimakrise zum Schluss:

„Die Menschheit verfügt bereits heute über das grundlegende wissenschaftliche, technische und industrielle Knowhow, das Kohlendioxid- und das Klimaproblem für das nächste halbe Jahrhundert zu lösen.“

Stephen Pacala und Robert Socolow, Princeton University

Die unten abgebildete, auf der Socolow-Pacala-Studie basierende Grafik zeigt, wie stark die Treibhausgasemissionen der Vereinigten Staaten über die nächsten vier Jahrzehnte ansteigen, wenn man weitermacht wie bisher. Die sechs farbigen Keile dagegen geben an, um wie viel man die Emissionen senken könnte, wenn man die entsprechenden Massnahmen ergreift.


Reduktion durch energiesparende Heizungs- und Kühlanlagen, Beleuchtungsmittel, Haushaltgeräte und elektronische Geräte.
Reduktion durch höhere Endverbrauchseffizienz, sprich durch die Konzeption von Gebäuden und Unternehmen.
Reduktion durch höhere Fahrzeugeffizienz durch die Herstellung von Autos, die weniger Sprit verbrauchen, und durch den Umstieg auf Hybrid- und Brennstoffzellenautos.
Reduktion durch andere Verbesserungen der Transporteffizienz, beispielsweise durch den Ausbau der öffentlichen Nahverkehrssysteme in Städten und Gemeinden und die Entwicklung von LKWs, die weniger Kraftstoff verbrauchen.
Reduktion durch verstärkte Nutzung bereits vorhandener erneuerbarer Energien wie Windkraft und Biokraftstoffe.
Reduktion durch die Filterung und Einlagerung eines Teils des von Kraftwerken und Industrieanlagen erzeugten Kohlendioxids.

Zusammen könnte man mit diesen Massnahmen, die ausnahmslos auf bereits existierenden und erschwinglichen Technologien basieren, die Treibhausgasemissionen bis unter das Niveau von 1970 senken.

Viele Länder haben sich bereits zum Handeln entschlossen. Bislang haben 132 Nationen das 1997 beschlossene Kyoto-Protokoll ratifiziert, darunter alle Industrieländer – mit Ausnahme der USA und Australien.

Windkraft

Ohne die Windenergie waren die Great Plains im Mittleren Westen der USA nie besiedelt worden. Man mag Eisenbahnen, Gewehren und Pferde noch so viel verdanken, Windmühlen waren es, die über Generationen hinweg unermüdlich Grundwasser an die Oberfläche pumpten und die Siedler, ihre Felder und ihr Vieh mit Wasser versorgten.

Der Wind ist seit jeher eine Ressource, die nur darauf wartet, angezapft zu werden. Ein 100-Megawatt-Windpark – 50 mit Turbinen von der Grösse einer Sattelschlepper-Zugmaschine und einer Leistung von zwei Megawatt bestückte 100 Meter hohe Türme – produziert ausreichend Strom für 24000 Haushalte. Um dieselbe Menge an Strom zu erzeugen, müsste man fast 50 000 Tonnen Kohle verfeuern – und das Jahr für Jahr. 50 000 Tonnen Kohle, die Jahr für Jahr Unmengen an Kohlendioxid in die Atmosphäre freisetzen.

Stimmt, auch eine Windkraftturbine setzt Kohlendioxid frei, aber nur während ihrer Herstellung. Sobald sie montiert ist und läuft, produziert sie kein Gramm Kohlendioxid mehr. Der Vergleich zwischen Kohle und Wind als Energiequelle fällt eindeutig aus: Während bei der Kohleverfeuerung unablässig das Treibhausgas Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangt, stossen Windkraftwerke keinerlei Kohlendioxid aus.

Der Markt hat längst entschieden, dass die Windkraft eine der am besten ausgereiften und kosteneffektivsten Technologien der Stromerzeugung der Zukunft ist. Überall in den Vereinigten Staaten investieren Stromerzeuger in Windparks. 2005 hat sich der Umsatz der Windturbinensparte von General Electric verdoppelt. Dank Vestas, dem Weltmarktführer in der Branche, sind Windturbinen zum wichtigsten Exportprodukt Dänemarks aufgestiegen. In manchen Winternächten decken die Windkraftwerke entlang der dänischen Küste den gesamten lokalen Energiebedarf. Bis 2008 wird ein Viertel des gesamten Strombedarfs des Landes aus Wind erzeugt werden.

Natürlich sind diese Windmühlen riesig, aber dasselbe trifft auch auf unseren Hunger nach Strom zu. Natürlich ragen sie hoch in den Himmel auf, aber viele Menschen finden den Anblick der sich im Wind drehenden Rotorblätter auch beruhigend.

Tag für Tag pumpen wir mehr Kohlendioxid in die Luft, während die Windenergie nur darauf wartet, von uns genutzt zu werden.


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